Mario Buchinger ist Ökonomie-Physiker, Musiker und Autor. Der Lean- und Kaizen-Spezialist war zehn Jahre als Angestellter und Führungskraft bei Daimler und Bosch tätig, bevor er sich 2014 in Österreich das Unternehmen Buchinger|Kuduz gründete. Zu den Kunden zählen neben Industrieunternehmen u.a. auch Banken und öffentliche Behörden.

Kolumne

Digital Twin – die digitale Glaskugel?

Digital Twins, die digitalen Abbilder von Objekten oder Prozessen, versprechen ein großes Maß an Transparenz und Vorhersage dessen, was eintreten wird. Doch ist dieses Versprechen wirklich haltbar?

Blog Digital Twin

In der Wissenschaft sind digitale Modelle einer tatsächlichen Realität üblich, um etwa für den Menschen unsichtbare Phänomene darzustellen, die entweder zu klein oder zu weit weg sind. Im Produktentwicklungsprozess wird oft digital simuliert, um aufwendige Prototypen und Arbeitsversuche einzusparen. Selbst in der Entwicklung von Prozesslandschaften stecken Chancen, wenn man damit richtig umgeht.

Gleichzeitig ist jede digitale Abbildung aufwändig und damit teuer. Hier muss stets geprüft werden, ob man durch einfaches Ausprobieren nicht verlässlichere Ergebnisse mit weniger Aufwand und Kosten erhält. Darüber hinaus lauern bei Digital Twins große Gefahren, die für eine Organisation signifikant sein können.

Vorgetäuschte Kontrolle

Ein digitales Abbild gaukelt Führungskräften eine Kontrolle vor, die es nicht gibt. Ein Digital Twin kann nur Dinge abbilden, die zuvor als Annahmen hineingesteckt wurden. Doch die Realität ist häufig anders, denn Wechselwirkungen wurden oft nicht berücksichtigt. Wer schon einmal ein Logistikprojekt begleitet hat, weiß wovon ich spreche, denn dabei tauchen im Lager häufig Teile oder Produkte auf, die im Warensystem nicht vorhanden sind oder umgekehrt.

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Transparenz und Veränderungsfähigkeit

Außerdem führen digitale Abbilder dazu, dass manche Führungskräfte glauben, ihre Präsenz vor Ort sei nicht mehr notwendig, da sie von ihrem Bildschirm aus alles unter Kontrolle haben. Eine gute Führung – gerade in einer Zeit dauerhafter Veränderungen (VUCA-Welt) – braucht Transparenz und die Zeit um Mitarbeitende mitzunehmen.

Wenn sich eine Führungskraft für die tatsächlichen Geschehnisse vor Ort interessiert und die Zeit nimmt, Menschen Veränderungen zu erklären, führt das unweigerlich zu mehr Wertschätzung und damit zu mehr Veränderungsfähigkeit.

Modelle haben Grenzen

Ein Digital Twin ist ein Modell und hat Grenzen. Jeder Naturwissenschaftler weiß, dass Modelle immer nur einen Ausschnitt aus einer weit komplexeren realen Welt abbilden und dass diese nur im Rahmen gewisser Grenzen gültig sind. Suchen Sie mal dazu nach dem Welle-Teilchen-Dualismus im Internet.

Da eine Prozesslandschaft nicht nur aus technischen Elementen besteht, sondern aus irrational handelnden Menschen in Form von Mitarbeitenden, Kunden und Stakeholdern, muss man davon ausgehen, dass die Grenzen eines jeden Modells schnell erreicht sind und die Realität nicht mehr abgebildet werden kann.

Mangelnde Adaptierbarkeit

Veränderungen werden immer häufiger und die Frequenz von Iterationen nimmt heutzutage stetig zu. Der Aufwand, einen Digital Twin einer Prozesslandschaft anzupassen, ist allgemein schon hoch, und erst recht dann, wenn die Veränderung häufig erfolgt. Jeder, der schon mal eine größere Anpassung in SAP vornehmen musste, weiß, wie aufwändig, langwierig und vor allem teuer das ist.

Das Versprechen, durch Digital Twins mehr Transparenz und dadurch mehr Effizienz zu erlangen, dürfte im Bereich der Prozessentwicklung generell kaum zu halten sein. Digitale Abbilder sind bei der Entwicklung von Prozessen oder ganzen Organisationen bestenfalls punktuell sinnvoll, um ganz spezielle Fragestellungen zu unterstützen.