ProGlove

„Die wahre Geschichte des Shopfloor erzählen“

Warum das Wissen um Barcode-Scanvorgänge Prozesse in der Produktion und Logistik verändern kann. ProGlove-Sprecher Axel Schmidt über den Blick von unten, den Wert von Mikroeffizienzen und das Lernen von den Anwendern.

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Logistik Produktion ProGlove Wearable

Factory: Herr Schmidt, ProGlove hat die Produktion des Standard Glove eingestellt und setzt auf den Index-Trigger, der mit oder ohne Handschuh getragen werden kann. Ein Strategiewechsel?

Axel Schmidt: Eher die Folge davon, dass wir genau hinsehen, was im Markt passiert. Immer mehr Kunden haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass Fingerfreiheit für ihre Mitarbeiter wichtig ist. Zum Beispiel im KEP-Bereich, bei Sortiervorgängen. Andere benötigen einen schnittfesten Handschuh oder einen, der für Kühl- und Tiefkühlbereiche geeignet ist.

Also auch eine Folge der Erweiterung der Zielgruppen?

Schmidt: Ja, aber das begleitet uns von Beginn an. Der ProGlove geht ja auf eine Beobachtung zurück, die einer unserer Gründer bei BMW gemacht hat: Alle Arbeiter am Band tragen Handschuhe, und sie müssen andauernd scannen. Warum also nicht diese beiden Werkzeuge miteinander verbinden? Es war ein Anwendungsfall aus der klassischen Montage. Den Bereich der Logistik, der für uns mittlerweile mindestens genauso wichtig ist, hatten wir da noch gar nicht auf dem Schirm.

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Wir haben uns also an das angepasst, was wir gesehen haben. Am Shopfloor werden oft Lösungen für Probleme gesucht, die man nicht bemerkt, wenn man nur aus der Managementsicht darauf blickt. Abläufe von unten nach oben zu überprüfen, ist eine Leitlinie bei uns. Daher: Der Handschuh war sinnvoll, die Manschette ist noch sinnvoller.

Mit der Plattform ProGlove Insight gehen Sie stark in Richtung der Prozessanalyse. Kann man aus dem Barcode-Scannen so viel Prozess-Erkenntnis gewinnen?

Schmidt: Tatsächlich sind Anzahl und Dauer der Scans Größen, die sehr viel aussagen können. Da die einzelne Tätigkeit aber nur Sekunden dauert, wird das meist unterschätzt. Setzt man die Daten jedoch in Bezug zu den Jobs, die abgearbeitet werden, sieht man bestimmte Muster, an die man oft nicht gedacht hatte. Unsere ganze Unternehmensgeschichte baut darauf auf, dass man Mikroeffizienzen erschließt und skaliert.

ProGlove, Index, Trigger © ProGlove

Deutlich gesehen haben wir das etwa bei unserer Zusammenarbeit mit DPD: Online-Käufe geschehen meist am Wochenende, entsprechend sind die Volumina in den Verteilzentren zu Wochenbeginn. Die Kenntnis der Zahl der Scans gibt einen guten Hinweis darauf, wann einen eine solche Welle trifft.

Auch hier war es wieder die Bottom-up-Perspektive: Was passiert wirklich auf dem Shopfloor? Wie kommen die Beschäftigten mit ihren Tätigkeiten zurecht, und wie viel Aufwand müssen sie betreiben? Über Insight erkennt man auch, ob es an einigen Stationen besser funktioniert als an anderen. Und sei es nur, dass hier eine Säule im Weg steht. So etwas erkennt man nicht im WMS.

War diese Ausrichtung von Beginn an intendiert?

Schmidt: In gewisser Weise schon. Der Grundgedanke war, einen smarten Handschuh mit einer Reihe von Sensoren zu entwickeln. Der Prototyp des ProGlove war ein Handschuh aus dem Baumarkt, gekoppelt mit einem iPod, auf dem einfach nur eine Demonstration lief. Die vier Gründer hatten sich 2014 vergleichsweise kurzfristig entschlossen, an der Intel Make It Wearable Challenge teilzunehmen. Die Idee war trotz des unfertigen Produkts so gut, dass dabei 250.000 Dollar Preisgeld herauskamen, die als Seedfunding eingesetzt wurden.

Zum Barcodescanner wurde der ProGlove dann nach der Begegnung mit BMW, doch der Gedanke, weitere Sensoren hineinzupacken, war damit nicht verschwunden. Die stecken ja heute noch drin, und man kann damit alle möglichen Daten erfassen. Wir sind unter anderem bei DPD sukzessive darauf gekommen, welche Daten man wirklich brauchen kann, welche Daten einen Mehrwert schaffen.

Bleibt immer noch die Frage, ob die Unternehmen diese Daten dann auch sinnvoll nutzen.

Schmidt: Dass ein großer Teil der Daten in den Firmen nichts als Kosten erzeugt, ist ja ein offenes Geheimnis. Wir führen seit vielen Jahren Diskussionen über Digitalisierung, versäumen aber immer wieder, den Finger auf diesen Punkt zu legen. In vielen Unternehmen fehlt eine grundlegende Strategie, was man mit Daten eigentlich machen will. Per se sind die ja wertlos, solange man sie nicht in Wissen verwandelt und einen Erkenntnisgewinn daraus zieht.

ProGlove, Axel, Schmidt © ProGlove

"In vielen Unternehmen fehlt eine grundlegende Strategie, was man mit Daten eigentlich machen will. Per se sind die ja wertlos, solange man sie nicht in Wissen verwandelt und einen Erkenntnisgewinn daraus zieht."

Axel Schmidt, ProGlove

Sind Sie in diesem Sinne eigentlich auch beratend tätig?

Schmidt: Wir sind keine Berater, wir sind Lösungsanbieter. Aber wir erkennen Muster, wir erkennen Heatmaps und Blocker, auch über Zeitachsen hinweg. Wir beraten nicht, aber wir geben natürlich manchmal Hinweise.

Wie ist denn die Akzeptanz seitens der Anwender? Treffen Sie da auch auf Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes?

Schmidt: Ich will gar nicht leugnen, dass man auf solche Ansätze trifft, aber sobald die Mitarbeiter erleben, wie sehr ProGlove ihnen die Arbeit erleichtert, verschwinden diese Befürchtungen sehr schnell. Dass vor allem in Europa eine starke Sensibilität gegenüber Datennutzung besteht, ist absolut begrüßenswert – aber es geht ja nicht um personalisierte Daten.

Uns ist es dementsprechend wichtig, eine Lösung anzubieten, die datenschutzkonform ist; das heißt, Daten nur anonymisiert und in aggregierter Form für Unternehmen zur Verfügung stellt. Wenn man eine solche Lösung einführt, muss man für Transparenz sorgen, mit offenen Karten spielen. Die Nutzer müssen wissen, welche Daten weitergegeben werden und welche nicht. Überwacht wird das Gerät, nicht der Mitarbeiter.

Unser System zeigt Störungen im Ablauf, und es zeigt, wo der Ablauf gut ist. Das sorgt tatsächlich für eine Art Demokratisierung: Das Gefühl, wirklich Teil des Unternehmens zu sein, führt zu Identifikation, weil man sieht, dass das eigene Tun eine Rolle spielt. Es gibt auch einen Gamification-Aspekt: Ich erlebe immer wieder, dass Mitarbeiter in eine Art Wettbewerb mit sich selbst treten und die Leistung des Vortags übertreffen wollen.

Wohin wollen Sie sich denn entwickeln?

Schmidt: Wir verfolgen mit Insight die Vision, die wahre Geschichte des Shopfloor zu erzählen. Und da gibt es natürlich noch einiges zu tun. Wir werden auf jeden Fall das Thema Software weiter forcieren, ebenso das Scanning. Auch der Bereich der Visualisierung ist natürlich spannend. Es ist aber noch zu früh, hier konkret zu werden.

Gibt es diesen Prototypen eigentlich noch?

Schmidt: Natürlich! Er hat einen Ehrenplatz in unserer Münchener Zentrale.