Supply Chain

„Die Lieferketten werden teurer werden“

Franz Staberhofer über Corona als Ausrede, sein Leiden am Lieferkettengesetz und fehlenden Dialog zwischen Politik und Wirtschaft.

Von
Logistik FH OÖ Supply Chain Management

FACTORY: Herr Staberhofer, wie sehr haben denn die Lieferketten in Ihren Augen unter der Pandemie gelitten?

Franz Staberhofer: Außerhalb weniger betroffener Sektoren ist es im Grunde allen hervorragend gegangen. Die Unternehmen haben das Thema Corona zwar unterschiedlich, aber grosso modo sehr gut behandelt, Menschen und Firmen haben gut reagiert. Man muss aber auch erkennen, dass viel Geld in das System gepumpt wurde.

Und da die Regierung beschlossen hat, mit der Covid-Investitionsprämie Geld teilweise nicht nutzenorientiert einzusetzen, wird das System nun wieder ans Limit getrieben: Die Unternehmen sind bis ins erste oder zweite Quartal 2022 ausgelastet. Und jetzt bemerkt man wieder, dass man zu wenige Arbeitskräfte hat. Wir sind also wieder dort angelangt, wo wir schon vor zwei Jahren waren. Und unverändert, wie in jedem Sommer, haben wir die Jahres-Ressourcen unserer Erde bereits verbraucht.

Ist die Pandemie auch eine willkommene Ausrede?

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Staberhofer: Aber natürlich. Volkswagen kommuniziert, wegen des Chipmangels müssten nun Werke geschlossen werden. Die Wahrheit ist eine teilweise: Die Chips waren in der Menge vermutlich gar nicht geplant. Aber es geht ja nicht nur um Chips, sondern auch um Dioden, um Metall und einiges mehr. Ich bin überzeugt, dass solche Schwankungen die neue Konstanz sind, und für die Handelnden im System wird es schwieriger werden, zu antizipieren, was auf sie zukommt.

Wir müssen uns klarmachen, dass sich ganze Lieferketten verschieben werden. China will sich mehr auf den Binnenmarkt konzentrieren und wird damit weniger von den Rohstoffen exportieren, von denen es teilweise zwischen 50 und fast 100 Prozent besitzt. Und wenn doch, dann zu Preisen in fast beliebiger Höhe. Der riesige Tanker mit dem kleinen Bagger im Suezkanal sollte weniger als cooles Bild, sondern mehr als Sinnbild gesehen werden für Themen wie das kommende Lieferkettengesetz, welches sich leider nicht fotografieren lässt. Dabei wäre es sehr wichtig, darüber eine Diskussion zu führen. in Summe ist es ein Aufruf zu Risikomanagement und mehr Supply-Chain-Kompetenz.

Sie sind kein Freund des Lieferkettengesetzes?

Staberhofer: Damit verschiebt die Politik die Verantwortung in Richtung der Unternehmen, im Grunde eine Abgabe von politischer Verantwortung. Ob Chile oder China „gute“ oder „böse“ Länder sind, müssen nun Unternehmen entscheiden und dementsprechend handeln. Und wenn sie falsch liegen, kann sie das in Deutschland zwei Prozent vom Umsatz kosten. Diese Verlagerung von Verantwortlichkeit braucht wohl den Diskurs. Das wird Eruptionen geben, die Lieferketten teurer werden, es werden neue Oligopole und Monopole entstehen. 

Mit Spannung erwarte ich den Umgang mit dem Thema in Österreich. Wir brauchen einen Dialog zwischen Politik und Wirtschaft, aber wir beschäftigen uns nicht mit dem Thema. In Deutschland wurde das ja offenbar dirigistisch gelöst. Sollte das bei uns auch so geschehen, kommen heftige Nachteile auf uns zu.

Den fehlenden Dialog zwischen Politik und Wirtschaft thematisieren Sie immer wieder gerne.

Staberhofer: Weil es leider notwendig ist. In Österreich werden derzeit Testfahrten mit autonom fahrenden Lkw nicht genehmigt. Das sachlogische Argument fehlt, und es bleibt die Vermutung, dass 4.0 geredet und 1.0 gehandelt wird und man auf das gesamte Verkehrssystem und Logistik verzichtet und damit politisch sich zwar Nachhaltigkeit wünscht, aber durch Handeln dagegen verhält.

Dass demnächst tausende Lkw-Fahrer in Pension gehen werden und dass die Eisenbahn üblicherweise nicht in kleine Täler fährt und es eben deshalb das gesamte System braucht, ist offensichtlich nicht im Fokus. Nicht Verzicht ist die Lösung, sondern die Nutzung von Technologie. Gesamtsicht und logistisches Gestalten – beides wird derzeit nicht forciert. Aber man kann Transport auch wie vor 100 Jahren organisieren, als Menschen Säcke auf dem Rücken trugen – entladen von Eisenbahnwagons.

Vermissen Sie auch hier strategisches Vorgehen?

Staberhofer: In den USA hat Joe Biden vor einigen Monaten das Office of Supply Chain Management geschaffen und durch Verordnungen abgesichert. Unternehmen müssen nun für definierte Lieferketten einmelden, wo die Risiken liegen – strategisch und auch taktisch. Und sie müssen erklären, wie man etwas im Sinne des Heimmarktes erreichen kann. Ich halte das für einen wirklich intelligenten Zugang. Denn eine sicher geglaubte Versorgung kann sehr schnell unsicher werden. Denn die politischen Entschlüsse sind in jeder Hinsicht spontaner als früher.

Gar kein Lichtblick in Europa?

Staberhofer: Auf Ebene der EU beschäftigt man sich durchaus geschickt mit diesem Thema. Hier sieht man sich die Lieferketten sehr genau an und bildet unterschiedliche Szenarien. Und die werden notwendig sein: Etwa die Bedarfe an Metallen und seltenen Erden sind massiv steigend, vor allem, wenn man das Refining dazuzählt. Das wird für definierte Lieferkette bearbeitet. Da müssen wir als Österreich andocken und Sektoren- und Ministerien-übergreifend rasch eine Gestaltungsmöglichkeit schaffen ähnlich der großartigen Initiative SKKM.

Apropos CO2: Das Umwelt- und Klima-Thema scheint ja auch gerade stark von Covid überlagert zu sein. Wie sehen Sie das im Logistik-Bereich?

Staberhofer: Ich bin bekennender Fan von Nachhaltigkeit, und ich glaube auch, dass sich Systeme ändern müssen. Ich denke allerdings nicht, dass Verzicht die Lösung ist. Ich denke, dass Intelligenz die Lösung ist. Und das heißt zum Beispiel, dass man mehr teilen muss. Vor ein paar Jahren haben noch alle über Shared Economy geredet, und ich halte genau das für die Lösung. Natürlich freuen sich die Anbieter kurzfristig nicht, wenn in Österreich statt fünf Millionen nur noch zwei Millionen Autos fahren. Dazu muss die Chance im anderen Tun erkannt und genutzt werden.

Das klingt aber zumindest so, als wäre unsere Zeit für das Supply Chain Management spannend.

Staberhofer: Extrem spannend sogar. Noch vor zehn Jahren war ein Supply Chain Manager so etwas wie ein Lieferketten-Controller, aber heute ist das einer der letzten verbleibenden Jobs in der Wirtschaft, in dem man mit eigener Leistung viel beeinflussen und gestalten kann. Als Supply Chain Manager finde ich die Vielzahl der Herausforderungen großartig, trotzdem würde ich ganzheitlich gedachte und langfristig verbindliche politische Rahmenbedingungen gerne annehmen – der Rest bietet noch genug Spannung.