Volker M. Banholzer ist Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht zu Innovations- und Technikkommunikation in Unternehmen, Journalismus, Politik und Gesellschaft sowie zu Leadership- und Innnovationskulturen.

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China: Warum der Maschinenbau die Augen offen halten sollte

Versunken in der Hochkonjunktur des Maschinenbaus verschließt Europa die Augen vor China. Ein gefährliches Spiel, denn das Land der Mitte hat längst Afrika zu seiner verlängerten Werkbank erklärt und ist uns nicht nur bildungstechnisch sehr dicht auf den Fersen.

Versunken in der Hochkonjunktur des Maschinenbaus verschließt Europa die Augen vor China. Ein gefährliches Spiel.

Eigentlich ist doch alles gut. In Österreich steigt der Konjunkturindikator der UniCredit Bank Austria auf Zehnjahreshoch. In Deutschland lässt sich der Ifo-Geschäftsklimaindex nicht lumpen und ist auch durch die Fragezeichen in der Regierungsbildung nicht zu beeindrucken. Für 2018 können wohl beide Länder auf Wachstumsraten des BIP von über zwei Prozent hoffen. Die Zahlen des Branchenverbands des deutschen Maschinenbaus VDMA zeigt auch eine der Quellen des Hochs. Alleine in den ersten neun Monaten des Jahres ist der Export von Maschinen nach China um 24,1 Prozent gestiegen. Also ist Zukunftsoptimismus angesagt und man könnte fragen, was uns buchstäblich der Sack Reis angeht, der in China umfällt.

Europa ist nicht der Nabel der Welt

Das Schulterklopfen und die gute Wirtschaftslage sollten den Blick über den berühmten Tellerrand nicht verstellen, denn da tut sich einiges, was von den hiesigen Unternehmen und auch der Politik strategische Planung erfordert. Einer der Mahner, Geopolitik nicht aus den Augen zu verlieren ist der Berliner Politikwissenschaftler Eberhard Sandschneider. Er diagnostizierte im Oktober auf dem Maschinenbaugipfel des VDMA eine vor allem in Deutschland gehetzte Debatte um Digitalisierung, die zudem „nur auf den Nabel Europa gerichtet“ ist. Das ist angesichts der sich neu formierenden Weltordnung ein Fehler. Sandschneider sieht einen neuen Polyzentrismus in der Welt. Die USA zögen sich zurück, die Märkte Russland und Türkei hätten sich diskreditiert und China oder Indien würden nicht ausreichend geopolitisch betrachtet.

China stellt mit eigenen Maschinennormen Hürden auf

Chinesische Investoren haben den Roboterhersteller Kuka, den Pumpenhersteller Putzmeister oder den Kunststoffmaschinenhersteller Krauss-Maffei übernommen. Die Firmen sind dem Vernehmen nach zufrieden, gehe es den neuen Eigentümern doch nicht um kurzfristige Gewinne. Sie wollen Schüler bei Weltmarktführern sein. Die anfängliche Euphorie, die Exportchancen in den chinesischen Markt bei den Zugherstellern wie Siemens oder Bombardier sei mittlerweile der Erkenntnis gewichen, dass chinesische Konkurrenzprodukte mittlerweile aufgeholt wenn nicht überholt haben. Gleichzeitig nimmt China seine Bildung und Forschung in Angriff und will im Wettbewerb der Wissenschaftsnationen nach vorne. Alleine im Jahr 2014 waren in China 42 Millionen Studierende eingeschrieben. Gerade in den Natur- und Ingenieurwissenschaften sucht China den internationalen Austausch auf Augenhöhe. Dabei geht es nicht mehr um Nachahmen, sondern um Wissensproduktion für den eigenen chinesischen Weg. Dass dieser Weg nicht westlichen Maßstäben entsprechen muss, wird in Industrie und Wissenschaft gleichermaßen sichtbar. Seit Beginn der Amtszeit von Xi Jinping wird wieder auf den Einfluss der Partei in den Hochschulen geachtet. Der Maschinenbau macht die Erfahrung, dass China für den eigenen Markt eigene Normen erlässt und damit zunehmend Hürden aufstellt.

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Afrika als verlängerte Werkbank

Und, was in Europa vielfach unbeachtet bleibt: China macht Afrika zu seiner Werkbank. Lohnsteigerungen durch die positive Wirtschaftsentwicklung und Fachkräfteengpässe als Folge der Ein-Kind-Politik führen dazu, dass chinesische Unternehmen massiv in Afrika investieren. Das hilft dem afrikanischen Kontinent, davon ist die McKinsey-Managerin Irene Yuan Sun überzeugt. Und sie sieht Afrika schon auf den Spuren von Japan, Südkorea, Taiwan und China. Die Frage ist, ob Politik und Unternehmen in Österreich und Deutschland darauf vorbereitet sind. Ein VDMA-Außenhandelsexperte vermisst denn auch Unterstützung durch die Politik wie eine Vereinfachung von Hermes-Bürgschaften gerade für Mittelständler. Und auch mehr Kompetenz in geopolitischen Fragen in den europäischen Parlamenten. Da könne die Politik durchaus von der Wirtschaft lernen, meint Sandschneider. Der ist sich auch sicher: Ohne strategische Optionen droht uns in Europa der Sack Reis, der früher unbeachtet in China umgefallen ist, auf die Füße zu fallen.

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