Volker M. Banholzer ist Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht zu Innovations- und Technikkommunikation in Unternehmen, Journalismus, Politik und Gesellschaft sowie zu Leadership- und Innnovationskulturen.

Volker M. Banholzer

Bitte Schluss mit proprietären Systemen in der (Aus-)Bildung

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) formuliert als zentrale Herausforderung von Industrie 4.0 die gezielte Vorbereitung der Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt der Zukunft. Nur wie sieht die richtige Bildung aus? Und wer soll dies leisten?

Blog Aus- und Weiterbildung ZEW

Digitalisierung wird fahrlässig unterschätzt und lebenslanges Lernen wird zur Floskel, beim Wunsch Absolventen „plug and play“ im Unternehmen einsetzen zu können.

Transformationsprozesse irritieren. Das ist banal aber das trifft derzeit auch auf die Aus- und Weiterbildung zu. Darum zieht der „Deutsche Industrie und Handelskammertag“ die Hochschulen in der Pflicht. Höhere Studierendenquoten, Fachkräftemangel, neue Berufsprofile erforderten von den Hochschulen mehr Wirtschafts- und Praxisorientierung, das heißt die „Sicherstellung der Beschäftigungsfähigkeit“ der Absolventen, für einen reibungslosen Übergang in das Berufsleben. Studienangebote orientierten sich zu sehr an den Perspektiven der Hochschulen. Die Hochschulrektorenkonferenz bezeichnet das erwartungsgemäß als „grundlegende Fehleinschätzung“. Also?

Mobilität von Fachkräften zwischen Berufen ermöglichen

Der langwierige Prozesses von Standardisierung und Normung im sogenannten Feldbuskrieg der neunziger Jahre sowie die für Wettbewerb unerlässliche Differenzierung von Herstellern zeigen, dass sich Hochschulausbildung auf das Vermitteln von Prinzipien konzentrieren muss, die Absolventen dann in ihrem Beruf auf die jeweiligen Spezifika anpassen können. Das wird so bleiben - trotz der Bestrebungen von Plattform Industrie 4.0 und IIC sowie einem TSN-Standard. Das  lenkt den Blick auf den Status quo. Digitalisierung ist ein Prozess und die Frage der Arbeitsteilung von Mensch und Maschine ist längst noch nicht final geklärt. Automatisierung und Digitalisierung vereinfachen Prozesse aber sie beschleunigen und verändern Geschäftsmodelle. Vernetzung und Beschleunigung erhöhen zwangsläufig die Komplexität, was eine immer an der aktuellen Bedarfslage und Wettbewerbssituation sowie den jeweiligen Innovationspfaden der Unternehmen orientierte Berufsqualifizierung an Hochschulen paradox erscheinen lässt. Und das führt zum dritten Hinweis. Das ZEW sieht eine zentrale Bedingung für eine zukunftsorientierte Arbeitsmarktgestaltung: Aus- und Weiterbildung muss die Mobilität von Fachkräften zwischen Berufen und Sektoren ermöglichen. Das fordert von Hochschulen mehr Ausbildung in grundlegenden Fähigkeiten und Vermittlung von Kompetenzen, um aufbauend auf Fachwissen, neue Impulse aufgreifen zu können und beim Blick über den Tellerrand auch Potentiale und Innovationen erkennen zu können.

Der Plug & Play-Absolvent

Digitalisierung wird fahrlässig unterschätzt und lebenslanges Lernen wird zur Floskel, beim Wunsch Absolventen „plug and play“ im Unternehmen einsetzen zu können. Open Innovation, Globalisierung, neue Wettbewerber, neue Geschäftsmodelle, das sind die Herausforderungen, die Unternehmen und Fachkräften genau das abverlangen, was das ZEW formuliert hat: Mobilität und Flexibilität. Die Zeiten starrer Lieferanten-Kunden-Beziehungen sind auch in der Aus- und Weiterbildung vorbei und „4.0“ heißt auch hier: Vernetzung und Überwinden proprietärer Systeme. Hochschulen müssen grundlegendes Fachwissen vermitteln und aus Erkenntnissen aus der angewandten Forschung berufsbegleitende Weiterbildungsangebote generieren. Die Unternehmen stehen in der Pflicht, ihre Belegschaften permanent zu qualifizieren. Und beide Seiten stehen in der Pflicht, miteinander zu reden, ohne die Kompetenzen des jeweils anderen Partners zu verkennen und eigene Aufgaben auf den anderen abwälzen zu wollen. Also: Vernetzt Euch.