Robert Weber ist Journalist und Newsgame-Entwickler aus Deutschland. Seit mehr als zehn Jahren ist der Westfale journalistisch tätig. War Chefredakteur von elektrotechnik, schrieb für den deutschen MaschinenMarkt und engagiert sich derzeit als Journalist für das Manager Magazin und Markt&Technik. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter an der TH Nürnberg.

Robert Weber

Berlin, Wien: Wacht endlich auf!

Geht es um Künstliche Intelligenz (KI) spielt Präsident Emmanuel Macron längst mit nationalen Karten und lockt damit Samsung, Facebook, IBM und Co. in sein Land. Frankreich hat die Nase voll vom Tiefschlaf Europas - und das zu recht.

Macron will Frankreich zum Spitzenland für künstliche Intelligenz machen – im Bereich Medizintechnik, Gesundheit, Mobilität und Finanzen.

Es macht mich wütend. In Österreich und Deutschland diskutieren konservative und rechtsnationale Politiker immer noch die Frage nach der Identität der Nation – ob mit Islam oder ohne, gefolgt von aufgewärmten Kopftuchdebatten und der Frage, ob es jetzt Traditions- oder Osterhase heißt und wo sind eigentlich die christlichen Werte in der Gesellschaft!? Ach ja, in Deutschland haben wir jetzt auch eine Digitalministerin, eine Staatssekretärin, die zwar seit vier Jahren in Sachen Digitalisierung kaum was auf die Beine gestellt hat, aber jetzt nach Flugtaxis ruft. So sieht momentan die Tagesschau aus: Auf die Islamdebatte folgen Flugtaxis.

Merkel und Kurz schlafen

Das sind Diskussionen, die ein Land lähmen, die den Blick verstellen auf die wichtigen Fragen von heute und morgen. Merkel und Kurz pennen. Tiefschlaf. In Frankreich ist einer aber hellwach. Emmanuel Macron wird nicht auf Merkel und Kurz warten, auf keinen in der Europäischen Union, befürchte ich nachdem ich ein Interview von ihm gelesen hab. Er gab es unlängst dem amerikanischen Wired-Magazin (zum Lesen empfohlen) und sprach über künstliche Intelligenz und er war ziemlich gut im Thema drin – können Sie sich das von Merkel oder Kurz vorstellen? Ich im Traum nicht. Macron machte deutlich: Einen europäischen Blick nimmt er dabei nicht mehr ein – das hatten sich die deutschen Politiker aber so gewünscht, denn im neuen Koalitionsvertrag war doch ein deutsch-französisches KI-Zentrum geplant. Tja, da marschiert jetzt einer alleine los.

Macron spielt mit nationalen Karten und gewinnt

Macron spielt in dem Interview die nationale Karte und will Frankreich zum Spitzenland für künstliche Intelligenz machen – im Bereich Medizintechnik, Gesundheit, Mobilität und Finanzen. Felder, auf denen der Nachbar aus Deutschland nicht besonders stark ist oder momentan mit Problemen kämpf, Stichwort: Mobilität. Europa kommt höchstens nur noch am Rande vor. Er will Teil der Disruption sein, will Geld bereitstellen, aber auch die Spielregeln mit verfassen. Sprich: Wer über Datensicherheit und Privatsphäre mitentscheiden will, muss führend in der KI-Entwicklung sein, so sein Credo. Macron verspricht seinen Landsleuten auf der einen Seite neue Jobs, aber auch Open Source-KI-Anwendungen der Regierung, damit jeder einsehen könne, wie der Algorithmus arbeite. Sein Interview ist ein Signal, ein Staatschef beschäftigt sich mit Fragen der Gegenwart und der Zukunft. Während in Deutschland noch Kindergeldanträge per Post verschickt werden müssen, arbeiten die Nachbarn an KI-Anwendungen für die Universitätszulassung. Er wird Gesetze und Vorschriften anpassen, um neue Unternehmen anzulocken und Gelder bereitstellen. Und das funktioniert schon: Samsung, Facebook, IBM oder DeepMind haben mittlerweile ein KI-Lab in Frankreich und bringen Geld mit. Facebook AI Research (FAIR) Lab stellt beispielsweise 10 Mio. Euro für die Einstellung von 40 Doktoranden und 30 Forschern bereit. Dieses Geld wird durch den Verkauf von Data-Infrastrukturen auch den Universitäten zugutekommen. Google wird seinerseits ein zweites europäisches KI-Zentrum in Paris zu den Themen Kunst, Gesundheit und Umwelt eröffnen.

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Ganz klar: Macron sieht sich und sein Land im Wettbewerb mit China (einer staatlichen KI) und den USA (einer privatwirtschaftlichen KI). Machen die Franzosen KI jetzt also alleine? „Netterweise laden sie uns doch dazu ein. Die KI-Gemeinde in Europa ist nicht so zerstückelt, wie man denken sollte“, meint Chris Boos, einer der Vordenker von KI in Europa und der Welt und antwortete damit auf einen Tweet von mir. Hoffen wir, Herr Boos hat recht.

Zum Autor: Robert Weber ist Journalist und Newsgame-Entwickler aus Deutschland. Seit mehr als zehn Jahren ist der Westfale journalistisch tätig. War Chefredakteur von elektrotechnik, schrieb für den deutschen MaschinenMarkt und engagiert sich derzeit als Journalist für das Manager Magazin und Markt&Technik. 2015 gewann er den Karl-Theodor Vogel Preis.